Ein Jahr in den USA

Meine elfte Klasse, das Schuljahr 08/09, habe ich an einer Schule in den USA verbracht. Während dieser Zeit habe ich in einer Gastfamilie gewohnt und mit meinen Gastgeschwistern die öffentliche High School besucht. Ich habe von der Deutsch-Amerikansichen Gesellschaft ein Stipendium bekommen und wurde von der Organisation AYUSA (jetzt INTRAX) betreut. Ich bin in eine "normale" Familie gekommen, ein Ehepaar, etwas jünger als meine Eltern, mit zwei Kindern und zwei Hunden. Wir haben uns das ganze Jahr lang sehr gut verstanden. Ich habe extremes Glück mit meiner Familie gehabt. Viele andere Austauschschüler haben sich mit ihren Familien nicht gut verstanden und haben die Familie gewechselt oder längere Zeit unglücklich mit dem Zustand gelebt.

Meine Gastfamilie wohnt in einem kleineren Ort etwa 90 Meilen/145 km westlich von Chicago im Bundesstaat Illinois. In das Leben habe ich mich recht schnell eingewöhnt. Es war am Anfang eine Umstellung, aber das ist ja auch nicht anders zu erwarten. Ich habe mir mit meinem Gastbruder ein Zimmer geteilt, während ich in Deutschland ein eigenes hatte. Entgegen meiner Gewohnheit wurde jede Mahlzeit auf dem Sofa gegessen, während im Fernsehen die neueste Soap lief. Natürlich nicht live sonder von der DVR (dem Festplattenrekorder) damit man die Werbung überspulen kann. Am Wochenende wurde meistens etwas mit der Familie unternommen. Irgendwer hatte immer Geburtstag oder man traf sich einfach so zum BBQ.

Mit meinem Gastbruder bin ich auf die gleiche Schule gegangen, während meine Gastschwester noch auf der Middle School war. Das amerikanische Schulsystem unterscheidet sich fundamental vom Deutschen. Es wird nicht wie bei uns nach der Grundschule in drei Leistungszweige getrennt, sondern von Anfang an nach Einkommen der Eltern. Reiche Kinder gehen auf eine Privatschule, alle anderen auf eine öffentliche Schule. Ich bin auf eine öffentliche Schule gegangen und war eigentlich zufrieden damit. Schon im Jahre 2008 hatte die Harlem High School viele moderne Computerräume und alle Lehrer konnten mit den Beamern, Laptops, Druckern, etc. umgehen. In die Harlem High gehen ca. 2600 Schüler in 4 Jahrgängen, also 650 Schülern pro Jahrgang. Die 9. bis 12. Klasse heißen Freshman, Sophomores, Juniors und Seniors. Ich war ein Junior, also in der 11. Klasse.
Am Anfang des Schuljahres habe ich mit meinem Counselor einen Stundenplan zusammengestellt. Das Schuljahr hat zwei Halbjahre und während eines Halbjahres hat man jeden Tag den gleichen Unterricht. Ich musste einen Kurs in Mathematik, in Englisch und in amerikanischer Geschichte belegen. Die anderen Fächer konnte ich frei wählen. Ich hatte unter anderem noch Bildbearbeitung mit Photoshop, Webdesign und Kochen. Photoshop war der erste Kunstunterricht, mit dem ich etwas anfangen konnte. In Mathematik habe ich den schwierigsten Advanced Placement Kurs genommen. Ich habe, abgesehen von Statistik, den Stoff der deutschen Oberstufe gemacht. Ich war der einzige Junior in dem Kurs, da die Advanced Placement Kurse eigentlich der Abschlussklasse (den Seniors) vorbehalten sind. Mathe war auch der einzige Kurs, der wirklich schwer war. In den anderen Fächern bin ich ohne Probleme zurechtgekommen. In Deutschland haben wir mündliche Noten und Klassenarbeiten. In Amerika wird jede Hausaufgabe eingesammelt und bewertet, dafür gibt es keine mündlichen Noten. Wer also fleißig seine Hausaufgaben macht, muss sich keine Gedanken um das Bestehen machen. Die Klassenarbeiten waren Multiple Choice. Am Anfang bin ich hier an die Grenzen meiner Sprachkenntnisse gestoßen, da Trickantworten schwierig zu enttarnen waren.

Was mich nachhaltig begeistert ist der Zusammenhalt der Schule. Am Nachmittag ging man zu Sportteams und Klubs und blieb quasi bis abends an der Schule.
Im zweiten Halbjahr habe ich Tennis gespielt, das hieß jeden Nachmittag 3-4 Stunden Tennistraining. Am Wochenende fanden die Turniere gegen die anderen Schulen statt.

Das amerikanische Buzzword ist übrigens "Pride" (dt.: Stolz). Man ist auf alles und auf jeden Stolz. Seinen Job, seine Schule, sein Sportteam, seine Leistungen im Unterricht und natürlich darauf Amerikaner zu sein. Jeden Morgen wird in der Schule die "Pledge of Allegiance" rezitiert, das ist das Vater Unser für den Amerikaner.

“I pledge allegiance to the flag of the United States of America, and to the republic for which it stands, one nation under God, indivisible, with liberty and justice for all.”
"Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden."

In Deutschland weckt die Vorstellung jeden Morgen die Hand aufs Herz zu legen, sich zur Flagge zu drehen und dem deutschen Staat Treue zu schwören nur Erinnerungen an Nazi-Deutschland und etwas Ekel vor diesem "übertriebenen" Patriotismus. Für den Amerikaner ist das ganz normal. Trotz aller Widrigkeiten ist der amerikanische Traum immer noch am Leben. Die Vorstellung es mit harter Arbeit vom Tellerwäscher zum Millionär zu schaffen treibt die Amerikaner unermüdlich an. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Waffenbesitz ein Recht und Krankenversicherung ein Privileg ist. Mit dem amerikanischen Traum kommt auch eine gute Portion Egoismus. Überall gibt es das Größte, das Stärkste, das Tollste, das Beste. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich diese Lebenseinstellung verstanden habe. Aufgeben ist keine Option. Man ist auch stolz darauf dem Nächsten zu helfen, in dem man an die Kirche spendet oder Freiwilligenarbeit leistet, aber ein Sozialstaat ist unvorstellbar. Dort würde man ja dazu gezwungen den Lohn seiner harten Arbeit mit anderen zu teilen, die vielleicht nicht so hart arbeiten. So kommt es dazu, dass auch wirklich arme Menschen eine staatliche Krankenversicherung, etc. ablehnen. Sie müssten dann ja die noch Ärmeren mit durchfüttern.

Während meines Jahres habe ich natürlich neue Freunde gefunden. Leider waren diese Freundschaften eher kurzlebig. Das erste Jahr nach meiner Heimkehr haben wir uns noch auf Facebook ausgetauscht, aber dann hat sich das alles verlaufen. In Deutschland hat sich während der elften Klasse auch vieles verändert. In der elften Klasse wechselt man in NRW vom Klassensystem in ein Kurssystem und es haben sich neue Freundeskreise gebildet. Bei meiner Rückkehr war ich dann der Neue, obwohl ich ja eigentlich nicht der Neue war.

Zu meiner Gastfamilie habe ich immer noch Kontakt. Im Sommer 2016 habe ich sie mit meiner Freundin zusammen besucht. Es hat sich in den sieben Jahren jede Menge verändert. Meine Gastschwester hat geheiratet und ist ausgezogen, mein Gastvater fährt jetzt LKW und arbeitet nicht mehr als Mechaniker, meine Gastmutter hat auch einen neuen Job, und mein Gastbruder wohnt noch zu Hause. Vieles ist auch gleich geblieben. Es wird immer noch vor dem Fernseher gegessen und von den Hunden gibt es auch noch einen. Ich habe mich gleich wieder zuhause gefühlt. Es war fast so, als hätte sich nichts geändert. Ich habe wirklich ein zweites Zuhause in Amerika gefunden!

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